Wissenschaftliche Betrachtung der Pyromanie


Grundlagen der Pyromanie

 

Die Pyromanie wird in den International Classification of Diseases in ihrer 10. Version (ICD-10) unter dem Code F63.1 den abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle zugeordnet. Ein weiteres Klassifikationssystem ist das Handbuch zur Diagnose und Statistik psychischer Störungen (DSM), welches die ICD-10 ergänzt und in dem die Pyromanie ebenfalls charakterisiert ist. Damit ist die Pyromanie ein klar umrissenes Krankheitsbild, welches zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zählt. Verstanden wird unter diesem Begriff eine pathologische Brandstiftung, die wie folgt definiert ist:

 

Triebhaft-zwanghaftes Feuerlegen ohne erkennbares Motiv (griechisch: pýr = Feuer). Vorlaufend verspüren die Betreffenden meist Unruhe und Angespanntheit. Brandstifter - oft sozial isolierte Menschen mit Minderwertigkeitsgefühl - haben ein auffallendes Interesse an Feuer und Brandbekämpfung; die Brandlegung selbst ist mit Faszination, Lustgefühl und vorübergehender Spannungsabfuhr verbunden (Payk, 2007, S. 187).

 

Möller, Laux & Deiser (2005, S. 372) definieren dieses Krankheitsbild, als "krankhafte Störung, bei der wiederholt vorsätzlich Feuer gelegt wird. Die Patienten sind in der Regel von Feuer und damit zusammenhängenden Situationen stark fasziniert."  Auch Andreas Warnke hat sich mit dem Thema Störungen der Impulskontrolle und abnorme Gewohnheiten beschäftigt und seinen Beitrag in der Enzyklopädie der Psychologie im Band 5 veröffentlicht. Darin stellt er auf S. 737 die Symptomatik der pathologischen Brandstiftung (Pyromanie) im Vergleich zwischen ICD-10 und DSV-IV tabellarisch dar (vgl. Tabelle 1).

 

Vorab fasst er die gemeinsamen Merkmale zusammen, die auf die gesamte Kategorie F63, zu der auch das pathologische Glückspiel (F63.0), das pathologische Stehlen (Kleptomanie; F63.2) und das pathologische Haarausreißen durch die eigene Person (Trichotillomanie; F63.3) gehören, anwendbar sind.

 

  • wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation
  • welche die Interessen der betroffenen Personen oder anderer Menschen schädigen, wobei
  • die Impulse subjektiv als unkontrollierbar erlebt werden und
  • bei den meisten dieser Störungen der Betroffene vor der durchgeführten Handlung eine zunehmende Spannung oder Erregung verspürt und während der Durchführung eine Befriedigung und Entspannung erlebt, während
  • nach der Handlung Reue, Selbstvorwürfe und Schuldgefühle auftreten können.

 

(Warnke, 2005, S. 726)

 

ICD-10 DSM-IV

wiederholte Brandstiftung ohne erkennbare Motive wie materieller Gewinn, Rache oder politischer Extremismus.

gewolltes und absichtsvolles Feuerlegen

bei mehr als einer Gelegenheit.

Starkes Interesse an der Beobachtung von Feuer*

Das Feuerlegen geschieht nicht wegen des

finanziellen Profits, als Ausdruck einer soziopolitischen

Ideologie, zum Verdecken einer Straftat, um Wut oder

Rache auszudrücken, um die Lebensumstände zu

verbessern, als Reaktion auf Wahnphänomene oder Halluzinatione oder infolge verminderter Urteilsfähigkeit.

Gefühle wachsender Spannung vor der Handlung und starker Erregung sofort nach ihrer Ausführung.

Faszination, Interesse, Neugier und Anziehung im

Hinblick auf Feuer und damit zusammenhängende Situationen.

Vergnügen, Befriedigung oder Entspannung beim Feuerlegen, beim Zuschauen oder beim Beteiligtsein an den Folgen

Spannungsgefühl oder affektive Erregung vor der Handlung.
 

Das Feuerlegen kann nicht besser durch eine

Störung des Sozialverhaltens, einer manischen

Episode oder einer antisozialen

Persönlichkeitsstörung erklärt werden.

 

Tabelle 1: Symptomatik der pathologischen Brandstiftung (Pyromanie) im Vergleich zwischen ICD-10 und DSM-IV nach Warnke, 2005.

 

* Kommt es dabei zu einer sexuellen Erregung, kann auch von einer Pyrolagnie gesprochen werden, die eine sexuelle Erregung durch den Anblick von Feuer bezeichnet.

 


Allgemeines in Bezug auf die abnormen Gewohnheiten und die Störungen der Impulskontrolle

 

Den Anlass, die oben genannten Krankheiten (u. a. auch die pathologische Brandstiftung) in die Kategorie der Zwangsstörungen einzuordnen, gab "das "zwingende" und letztendlich gegen das eigene Wohl der betreffenden Person gerichtete Verhalten (...)"  (vgl. Rapoport, Swedo & Leonard, 1994, zitiert nach Warnke, 2005, S. 726). Gegen das eigene Wohl meint in diesem Kontext, dass viele Pyromanen den geheimen Wunsch hegen selbst zu (ver-)brennen. Dabei spielt der Impuls bzw. die Störung des Impulses eine entscheidende Rolle.

 

Möller et al. formulieren die so, dass "das gemeinsame Merkmal dieser Störungen (...) das wiederholte, vollständige oder teilweise Versagen der (willentlichen) Beherrschung eines Wunsches oder Antriebs (Impuls) (ist)"  (2005, S. 370). Wichtig ist ihnen auch, dass die Störung bzw. der Verlust der Impulskontrolle nicht in jedem Fall mit einer eigenständigen psychischen Störung verwechselt wird, weil sie auch als Symptom bei anderen psychiatrischen Erkrankungen vorkommen kann.

 

Die heute noch gebräuchlichen Bezeichnungen für einzelne Störungen der Impulskontrolle (z. B. Pyromanie) gehen auf das Konzept der Monomanien zurück. Man ging im vorletzten Jahrhundert davon aus, dass die Psyche nur in einem Punkt krankhaft sein kann. Daher wird auch heute noch von einer Manie gesprochen, wenn eine Person eine etwas übertriebene Leidenschaft für einen bestimmten Gegenstand oder seltsame Gewohnheiten hat. Die Störungen der Impulskontrolle dürfen aber "trotz ähnlicher Bezeichnung nicht mit einem manischen Syndrom ("Manie") im Rahmen affektiver Störungen verwechselt werden"  (Möller et al., 2005, S. 370).

 


Ursachen und Verlauf der Pyromanie

 

Das pathologische Brandstiften bzw. "die Störung beginnt gewöhnlich in der Kindheit und verläuft periodisch mit Exazerbationen meist während Krisensituationen"  (Möller et al., 2005, S. 373). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass "unter entwicklungspsychologischer Sicht (...) davon auszugehen (ist), dass zunächst ein natürliches Interesse am Feuer in ein Bedürfnis nach Spielen mit dem Feuer mündet, bevor es zur bewussten Brandstiftung kommen kann"  (Warnke, 2005, S. 736-737).

 

Daraus ergibt sich, dass der Wunsch mit Feuer zu spielen zunächst einmal keine abnorme Gewohnheit darstellt. Kinder wachsen heran und erkunden ihre Umgebung. Dabei entdecken sie auch das Feuer als ein interessantes Element. Die Brände, die in der Kindheitsphase entstehen, "sind in aller Regel zufällig und ungewollt, so dass die Kinder und Jugendlichen meist versuchen, das außer Kontrolle geratene Feuer einzudämmen"  (Warnke, 2005, S. 737). Damit sich eine Pyromanie entwickeln kann, sind verschiedene Merkmale durch Gaynor (1996) ermittelt worden, die Warnke (2005) in einer Tabelle abgebildet hat und die hier als Grundlage der Beschreibung dienen.

 

Demnach konnte bei an Pyromanie erkrankten Kindern bis zu einem Alter von 12 Jahren nachgewiesen werden, dass sie ein normales Intelligenzniveau besitzen, wobei eine höhere Inzidenz von Lernleistungsschwierigkeiten besteht. Im Erwachsenenalter bleibt das Intelligenzniveau ebenfalls im normalen Bereich bestehen. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass sie relativ häufig unter körperlichen Erkrankungen leiden und übermäßig Wut und Aggressionen erleben, verbunden mit der Unfähigkeit, diesen Gefühlen angemessen Ausdruck zu verschaffen.

 

Im familiären Umfeld ist häufig eine hohe Rate an elterlichen Konflikten zu beobachten. Teilweise haben diese Kinder auch eine überfürsorgliche Mutter, einen stark strafenden Vater oder ein Elternteil, dass selbst psychiatrisch erkrankt ist. Oft sind sie sozial isoliert und alleinstehend, weshalb sie nur eine beeinträchtigte Fähigkeit, mitmenschliche Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, vorweisen können. In der Schule kommen immer wieder schlechte Leistungen und Störungen im Sozialverhalten vor.

 

In der Regel gehen der Entwicklung der Pyromanie auch spezifische belastende Ereignisse, die emotionale Reaktionen auslösen, voraus, sodass die Brandstiftung zur Entspannung von angestauter Wut oder Aggressionen führt. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass die Brandstiftung unmittelbar zu positiv verstärkender Zuwendung führt, die möglicherweise auch mit Verlust von Besitz, Schädigung von Leben und Bestraftung verbunden ist.


Das anfängliche Spielen mit dem Feuer sorgt demzufolge für eine Entspannung, woraus sich später eine Pyromanie entwickeln kann. Obgleich diese Merkmale vorhanden sein können, muss die pathologische Brandstiftung jedoch nicht die letztendliche Folge sein, denn so sagen Scholz und Gregor, es treffe wohl zu, "dass das Spiel mit dem Feuer dem Kinde hohe Lust gewährt, aber bis zu der Sucht, Möbel und Gardinen, Schober und Häuser anzuzünden, ist doch noch ein weiter Schritt. Man tut daher immer gut, im gegebenen Falle nach einem durchsichtigeren Motiv zu suchen, wie Heimweh, Angst, Rachesucht"  (zitiert nach Warnke, 2005, S. 743). Dieses durchsichtige Motiv kann auch in der sexuellen Ebene liegen, wie erneut Warnke (2005) beschreibt:

 

Psychodynamische Erklärungsansätze stützen sich auf die Annahme von Freud (1932), dass eine psychologische Beziehung zwischen der Wahrnehmung von Feuer und sexuellen Bedürfnissen bestände. Das Legen von Feuer repräsentiere libidonöse und phallische Triebe. Brandstiftung entspreche einer Regression auf die psychosexuelle, phallische Phase, womit verbotene Masturbation und sexuelle Wünsche substituiert würden. Im Lexikon für Psychiatrie, Psychotherapie und medizinische Psychologie schreibt Peters, dass "psychodynamisch (...) enge Verbindung zur Urethralerotik, zu Enuresis und Harninkontinenz (besteht). (...) Feuerlegen gibt dem urethral-aggressiven Tendenzen des Schüchternen Raum, der mit geringer Mühe durch einen für ihn ungefährlichen Akt große Wirkung entfalten kann" (2007, S. 455).

 

Daraus erschließt sich, dass sich eine Pyromanie oder pyromanische Tendenzen auch in diesem Zusammenhang entwickeln können. Eine weitere Möglichkeit kann darin bestehen, dass eine Person durch Feuer etwas substituieren möchte, was sie nicht oder zu wenig bekommt, denn "Feuer werde auch gelegt, aus Lust an dem Schein und der Wärme, die es ausstrahlt, wobei beides real oder symbolisch (verdrängte Lust) gemeint sein kann" (Warnke, 2005, S. 743).

 

Abschließend zu diesem Unterkapitel soll erneut Warnke (2005) zitiert werden, der in seinem Beitrag zur Pyromanie in der Enzyklopädie der Psychologie folgendes schreibt:

 

Pathologische Brandstiftung wird wahrscheinlich am adäquatesten erklärt aus dem Zusammenwirken von Persönlichkeitseigenschaften (z. B. Impulsivität, dranghafte Erregungsempfindung bei Feuer, Geltungsbedürfnis), familären psychosozialen Verhältnissen (z. B. chronische Konflikte) und aktuellen situativen Einflüssen (z. B. allein sein, Trennungserfahrung, "motivierende" Erfahrungen durch Mitwirkung bei der Feuerwehr). Bei männlichen Brandstiftern fand Klosinski (1985) einen erhöhten Anteil von Personen mit hirnorganischen Funktionsstörungen und Intelligenzminderung (Persönlichkeitsfaktor) und Personen mit "Vater-Sohn-Konflikt" (Konfliktfaktor) (S. 744-745).

 

Insgesamt gilt daher, dass es viele Möglichkeiten gibt, aus denen sich eine Pyromanie entwickeln kann.



Ausbreitung der pathologischen Brandstiftung

 

Die Pyromanie ist insgesamt eine recht seltene Krankheit, die jedoch beim männlichen Geschlecht wesentlich häufiger ausgeprägt ist, als beim weiblichen und häufiger bei Personen mit sozialem Ungeschick, sowie Lernschwierigkeiten. "Fest steht aber, dass in den meisten Fällen die "Brandstiftung" Ergebnis eines unvorsichtigen Umgangs mit Feuer war"  (Warnke, 2005, S. 742). Gaynor (1996) hat herausgefunden, dass "im Unterschied zum Spiel mit dem Feuer in epidemiologischen Schülerpopulationen (...) es bei der klinischen Inanspruchnahmepopulation infolge von Brandlegung signifikant häufiger zu ernsthaften zerstörerischen Bränden (kommt)"  (zitiert nach Warnke, 2005, S. 743). Nicht jede Brandstiftung ist jedoch gleichzusetzen mit Pyromanie, sodass hier differentialdiagnostisch abzugrenzen ist. Nicht zur Pyromanie gehören z . B. nach Warnke, 2005, S. 741-742 (auszugsweise):

  • das Zündeln, das unabsichtlich zu einem Brand mit Schadenfolge führte, im Rahmen von entwicklungsbedingtem Experimentieren mit Feuer in der Kindheit, dem Spielen mit Streichhölzern, Kerzen oder mit Feuerzeugen
  • Brandlegung ohne Schadenabsicht bei akuter Trunkenheit, Drogen- oder Medikamentenintoxikation (F10-19)
  • die vorsätzliche Brandstiftung mit offensichtlichem Motiv, z. B. aus Profitgründen, als Sabotage oder als Racheakt, um ein Verbrechen zu verdecken, als politisch motivierte Aktion oder aus dem einzigen Grund, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen.

Egal, ob es sich jedoch um eine krankhafte oder nicht krankhafte Brandstiftung handelt, ist eine solche Handlung nach § 306 StGB strafbar. Es wird neben der grundlegenden Brandstiftung (§ 306) in schwere Brandstiftung (§ 306a), besonders schwere Brandstiftung (§ 306b), Brandstiftung mit Todesfolge (§ 306c) und fahrlässige Brandstiftung (§ 306d) unterschieden. Das Strafmaß erstreckt sich dabei je nach Schweregrad des Falles zwischen 6 Monaten und 10 Jahren (vgl. Dejure.org, 2016).

 


Umgang mit Pyromanen und Therapiemöglichkeiten

 

Höchstwahrscheinlich aufgrund der Seltenheit dieser Krankheit gibt es derzeit noch keine wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse. Daher können nur Empfehlungen ausgesprochen werden.

 

"Bei der pathologischen Brandstiftung wird therapeutisch am ehesten ein tiefenpsychologischer Zugang versucht, die Therapieerfolge sind jedoch ungewiss"  (Möller et al., 2005, S. 375). Als psychotherapeutische Methode empfehlen sich überwiegend verhaltenstherapeutische Verfahren. Darüber hinaus gibt es auch kognitive Verfahren, wobei dieses eine entsprechende Reife und Kooperationsbereitschaft seitens des Patienten voraussetzt.

 

"Alternativ bzw. ergänzend werden Techniken der "negativen Übung" zur Sättigung des Bedürfnisses (wiederholtes Feuermachen unter therapeutischer Aufsicht) und Verstärkerprogramme angewandt"  (Warnke, 2005, S. 745). Es soll das Ziel erreicht werden, jeglichen unkontrollierten und fahrlässigen Umgang mit dem Feuer zu beseitigen. Gegebenenfalls sollte auch die Behandlung einer komorbiden psychischen Störung und die Beseitigung ungünstiger Milieueinflüsse in Erwägung gezogen werden.

 

Falls nötig kommt auch eine medikamentöse Behandlung bei Impulskontrollstörungen und psychotischen Entwicklungen in Betracht. Zusätzlich zu all diesen Maßnahmen und Methoden sollte, falls möglich, eine Selbsterfassung (z. B. in Form von Tagebüchern) erfolgen, sodass der Patient geschult wird, die Gefühle, die zur Brandstiftung verleiten, subjektiv wahrzunehmen und diese durch alternative, sozial angepasste Verhaltensweisen zu unterbrechen.